ZERO PARADES: For Dead Spies (ZA/UM)
Mai 2026
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Von den Machern von Disco Elysium kommt ZERO PARADES – ein Spionage-RPG. Du bist eine brillante, aber gequälte Operantin auf der letzten Mission. Reaktiviere dein zerschlagenes Netzwerk, entwirre ein Lügengeflecht und beweise dich auf der großen Bühne – oder zerstöre alles erneut.
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Entwickler: ZA/UM
Genre: Rollenspiel
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87%
Spielspaß 88%
Wiederspielbarkeit 86%
Langzeitmotivation 92%
Grafik 85%
Umsetzung |
| ZERO PARADES: For Dead Spies ist ein unglaublich dichtes, clever geschriebenes und atmosphärisches Rollenspiel. |

ZERO PARADES: For Dead Spies
Es gibt Spiele, die tragen eine riesige Last auf ihren Schultern, noch bevor sie überhaupt erschienen sind. ZERO PARADES: For Dead Spies ist genau so ein Fall. Denn egal, was ZA/UM nach Disco Elysium gemacht hätte – jeder hätte es automatisch damit verglichen. Und ganz ehrlich: Das Spiel macht es einem dabei nicht gerade leicht, denn schon nach wenigen Minuten merkt man sofort, woher die DNA kommt. Die isometrische Perspektive, die dialoglastige Struktur, die inneren Stimmen im Kopf der Hauptfigur, die philosophischen Gespräche und diese Mischung aus Politik, Melancholie und psychologischem Zerfall – all das erinnert extrem stark an Disco Elysium. Gleichzeitig versucht ZERO PARADES aber, eine andere Geschichte zu erzählen. Keine Cop-Story mehr, sondern ein Spionage-Thriller über eine kaputte Agentin, politische Intrigen und das langsame Zerbrechen einer Person, die längst nicht mehr weiß, auf welcher Seite sie eigentlich noch steht.
Dabei spielt man Hershel Wilk, Codename CASCADE, eine ehemalige Agentin, die nach einem gescheiterten Einsatz und Jahren der Isolation plötzlich wieder in eine gefährliche Mission hineingezogen wird. Das Ganze spielt in Portofiro, einer heruntergekommenen Küstenstadt voller politischer Spannungen, sozialem Verfall und Menschen, die alle irgendetwas zu verbergen scheinen. Genau diese Welt ist sofort faszinierend. Portofiro wirkt wie ein Ort, an dem jede Gasse eine Geschichte erzählen könnte und jeder NPC mehr weiß, als er sagt. ZA/UM kann Atmosphäre einfach immer noch unglaublich gut.

Gameplay – kein Kampf, sondern psychologischer Druck
Das Spiel verzichtet erneut komplett auf klassische Kämpfe. Stattdessen läuft nahezu alles über Dialoge, Skillchecks und psychologische Systeme. Genau wie bei Disco Elysium sprechen verschiedene Aspekte deiner Persönlichkeit permanent mit dir. Allerdings fühlt sich ZERO PARADES deutlich kontrollierter und ernster an. Hershel ist kein chaotischer Totalausfall wie Harry Du Bois, sondern deutlich professioneller, ruhiger und in vielen Momenten fast erschreckend pragmatisch. Genau dadurch verändert sich auch das Spielgefühl. Wo Disco Elysium oft komplett eskalierte, wirkt ZERO PARADES eher wie ein langsamer paranoider Thriller.
Besonders interessant sind die neuen Stresssysteme. Statt klassischer Lebenspunkte arbeitet das Spiel mit Zuständen wie Angst, Müdigkeit oder Delirium. Jede Entscheidung kann diese Werte beeinflussen. Wenn man sich zu sehr unter Druck setzt oder psychisch überfordert wird, verändert das nicht nur Dialoge, sondern teilweise komplette Spielsituationen. Dadurch entsteht permanent dieses unangenehme Gefühl, dass Hershel innerlich kurz vor dem Zusammenbruch steht. Genau das passt fantastisch zur Spionage-Thematik.
Dazu kommen die sogenannten „Dramatic Encounters“, also größere Entscheidungsszenen, die fast wie pen-and-paper-artige Ereignisketten funktionieren. Hier trifft man unter Zeitdruck Entscheidungen, würfelt auf Fähigkeiten und versucht irgendwie, Situationen unter Kontrolle zu behalten. Gerade diese Momente sind unglaublich spannend, weil sie nicht wie klassische Videospiel-Missionen wirken, sondern eher wie improvisierte Krisensituationen.

Schreiben und Dialoge – ZA/UM kann das immer noch
Egal, wie man zum Studio oder zu den ganzen Kontroversen rund um ZA/UM steht – schreiben können sie immer noch. Und zwar verdammt gut. ZERO PARADES lebt fast komplett von seinen Dialogen, Gedanken und Figuren. Viele Gespräche fühlen sich an wie politische Debatten, philosophische Diskussionen oder psychologische Therapiesitzungen. Das klingt trocken, ist aber unglaublich fesselnd geschrieben.
Besonders stark ist dabei, wie das Spiel Scheitern behandelt. Fehler bedeuten oft nicht „Game Over“, sondern öffnen neue Wege. Misslingt ein Gespräch oder verliert Hershel die Kontrolle, entwickelt sich die Geschichte trotzdem weiter. Genau dadurch entsteht dieses fantastische Gefühl, dass man nicht einfach nur Erfolg optimiert, sondern tatsächlich eine Rolle spielt.
Allerdings hat das Spiel auch hier ein Problem: Es kommt nie komplett aus dem Schatten von Disco Elysium heraus. Viele Systeme, Dialogstrukturen und sogar der Humor erinnern so stark an den Vorgänger, dass man sich ständig fragt, ob ZERO PARADES wirklich seine eigene Identität findet oder einfach nur versucht, denselben Zauber nochmal zu erzeugen. Genau das wurde auch in mehreren Reviews kritisiert.

Atmosphäre – Portofiro ist fantastisch
Was das Spiel aber wirklich herausragend macht, ist seine Atmosphäre. Portofiro fühlt sich lebendig, kaputt und politisch aufgeladen an. Überall hängen Spannungen in der Luft. Klassenkonflikte, zerfallende Machtstrukturen, alte Netzwerke und kaputte Ideologien ziehen sich durch nahezu jedes Gespräch. Gerade Fans von politischen RPGs bekommen hier unglaublich viel Stoff.
Optisch bleibt ZA/UM ebenfalls extrem stark. Das Spiel sieht wunderschön aus. Diese gemäldeartige Darstellung, kombiniert mit den düsteren Farben und dem melancholischen Soundtrack, erzeugt eine Stimmung, die permanent zwischen Hoffnungslosigkeit und Faszination schwankt. Dazu kommt erstmals vollständige englische Vertonung, was den Figuren enorm hilft.
Der große Schatten namens Disco Elysium
Und trotzdem hängt über dem gesamten Spiel ein riesiges Problem: Disco Elysium. Egal wie gut ZERO PARADES ist, man vergleicht es ständig damit. Das Spiel selbst lädt sogar dazu ein, weil es sich stilistisch so stark daran orientiert. Manche Reviews nennen es einen würdigen Nachfolger, andere sprechen eher von einer Kopie, die nie ganz aus dem Schatten des Originals herauskommt. Und ehrlich gesagt liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.
Denn ja – vieles wirkt vertraut. Aber gleichzeitig entwickelt das Spiel mit seinem Spionage-Setting, der deutlich kontrollierteren Hauptfigur und den psychologischen Stresssystemen durchaus eigene Ideen. Es ist vielleicht nicht so explosiv kreativ wie Disco Elysium, aber immer noch eines der interessantesten narrativen RPGs der letzten Jahre.

Kein Disco Elysium, aber trotzdem ein starkes RPG
ZERO PARADES: For Dead Spies ist ein unglaublich dichtes, clever geschriebenes und atmosphärisches Rollenspiel. Es verlangt Geduld, Aufmerksamkeit und Lust auf sehr viel Text und psychologische Tiefe. Wer nur Action oder klassische RPG-Kämpfe sucht, wird hier komplett falsch sein. Wer aber narrative RPGs liebt, politische Geschichten mag und Freude an komplexen Dialogsystemen hat, bekommt hier ein Spiel, das lange im Kopf bleibt.
Es ist nicht perfekt. Manche Systeme wirken zu vertraut, manche Dialoge etwas überladen und der Vergleich zu Disco Elysium wird das Spiel vermutlich ewig verfolgen. Aber unabhängig davon bleibt ZERO PARADES ein faszinierendes RPG mit einer unglaublich starken Atmosphäre und einigen der besten Dialoge, die das Genre aktuell zu bieten hat.

