Befreiung: Roman. Ein bewegender Schicksalsroman auf Jersey.
Autorin: Jenny Lecoat | Verlag: Lübbe
Erschienen am 30. August 2024

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Befreiung
Jersey 1945. Die junge Jean Parris lässt sich vom Freudentaumel mitreißen, der die Bewohner ihrer Insel nach dem Sieg der Alliierten ergriffen hat. Nun hofft sie endlich Nachricht von ihrem Vater zu erhalten, der während der Besatzungszeit von den Nazis verhaftet wurde. Doch die Botschaft seines Todes bringt traurige Gewissheit. Als kurz darauf Jeans Onkel aus dem englischen Exil zurückkehrt, verrennt sich dieser in einen Rachefeldzug gegen die vermeintliche Verräterin seines Bruders – die Lehrerin Hazel, deren politisches Engagement vielen ein Dorn im Auge ist. Ihre Schuld scheint festzustehen – nur: Ausgerechnet Hazel kennt ein Geheimnis, das Jean um jeden Preis schützen muss …
„Befreiung: Roman. Ein bewegender Schicksalsroman auf Jersey“ von Jenny Lecoat ist ein kraftvolles und emotionales Werk, das tief in die Nachkriegsgeschichte der Kanalinsel Jersey eintaucht. Diese Insel, die während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis besetzt war, dient als eindringlicher Schauplatz für eine Geschichte von Verlust, Schuld und moralischen Dilemmata, die auch nach dem Ende des Krieges weiterwirken. Im Mittelpunkt des Romans steht die junge Jean Parris, die nach der Befreiung der Insel sehnsüchtig auf Nachricht von ihrem Vater hofft, der während der Besatzungszeit von den Nazis verhaftet wurde. Doch statt einer freudigen Wiedervereinigung muss sie die schockierende Nachricht von seinem Tod verarbeiten. Diese Wendung reißt Jean den Boden unter den Füßen weg und entfacht eine intensive Suche nach der Wahrheit über die Verantwortlichen für den Verrat, der zu seinem Tod führte.
Eine zentrale Figur in dieser Suche ist Jeans Onkel Eddie, der frisch aus dem Exil zurückgekehrt ist und nun einen Rachefeldzug gegen die vermeintliche Verräterin seines Bruders – die Lehrerin Hazel – beginnt. Hazel ist jedoch nicht nur eine unschuldige Frau, die unter den Verdächtigungen leidet. Sie birgt ein Geheimnis, das Jean vor eine moralische Zerreißprobe stellt: Wie weit ist sie bereit zu gehen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen oder doch lieber ihre Familie zu schützen? Was mich an dem Buch besonders berührt hat, ist die Art und Weise, wie Lecoat die Auswirkungen des Krieges auf die Gemeinschaft von Jersey schildert. Die Erleichterung über das Ende der Besatzung wird durch die anhaltenden Spannungen und Vorurteile überschattet. Kollaborateure, sogenannte „Jerrybags“, und jene, die sich im Krieg mit den Deutschen eingelassen haben, werden noch lange nach dem Ende des Krieges gesellschaftlich geächtet. Diese Nachwirkungen des Krieges – die nicht mit der Kapitulation enden – machen den Roman so eindringlich und realitätsnah.
Jenny Lecoat, die selbst auf Jersey geboren wurde, bringt diese authentische Atmosphäre besonders gut zur Geltung. Als Enkelin von Bewohnern, die die Besatzung miterlebt haben, schöpft sie aus einem reichen Fundus an historischem Wissen und persönlichen Verbindungen zur Insel. Ihre Karriere begann im Bereich des Drehbuchschreibens, und ihre Fähigkeit, packende Geschichten zu erzählen, spiegelt sich in „Befreiung“ deutlich wider. Die Figuren sind tiefgründig und vielschichtig, auch wenn einige von ihnen manchmal distanziert und schwer greifbar erscheinen. Besonders Hazel hebt sich als starker Charakter hervor, die für ihre Überzeugungen einsteht und dabei sowohl Sympathie als auch Mitleid weckt. Ein Aspekt, der in einigen Rezensionen angemerkt wird, ist die rasche Abhandlung der letzten Teile des Buches. Der Roman baut eine dichte Atmosphäre und eine komplexe Spannung auf, die am Ende jedoch etwas zu schnell gelöst wird. Trotz dieses kleinen Kritikpunkts bleibt die Geschichte spannend und die emotionalen Höhen und Tiefen tragen die Erzählung bis zum Schluss.
Was mich besonders bewegt hat, ist die Frage nach der Wahrheit und der Gerechtigkeit, die Lecoat aufwirft. In einer Welt, die gerade erst aus der Dunkelheit des Krieges auftaucht, bleibt nichts schwarz-weiß. Die Menschen auf Jersey, genau wie Jean, müssen mit moralischen Grauzonen leben und versuchen, sich in einer ungewissen Nachkriegszeit zurechtzufinden. Diese Dilemmata machen „Befreiung“ zu einem tiefgründigen Roman, der weit mehr als nur eine historische Erzählung ist. Insgesamt ist „Befreiung“ ein beeindruckender und bewegender Roman, der die Leserinnen und Leser nicht nur in die Geschichte einer Familie und ihrer Heimatinsel zieht, sondern auch universelle Fragen über Schuld, Vergebung und die Nachwirkungen von Krieg stellt. Die gut recherchierten historischen Hintergründe, die starken weiblichen Charaktere und die emotionale Tiefe machen dieses Buch zu einer lohnenden Lektüre – insbesondere für jene, die an den weniger bekannten Geschichten des Zweiten Weltkriegs interessiert sind.
Befreiung
Hat mir besonders gefallen
- Die Autorin Jenny Lecoat schafft es, die Nachkriegszeit auf Jersey sehr lebendig und atmosphärisch darzustellen, basierend auf ihrer eigenen Verbindung zur Insel.
- Der Roman beleuchtet schwierige Fragen über Schuld, Vergebung und die Nachwirkungen des Krieges, was der Geschichte emotionale Tiefe verleiht.
- Die Protagonistinnen Jean und Hazel sind vielschichtig und tragen die Handlung durch ihre persönlichen Kämpfe und Entscheidungen.
- Lecoats eigene Herkunft und historische Recherchen verleihen der Geschichte Glaubwürdigkeit und Tiefe, insbesondere in Bezug auf die Besetzung der Kanalinseln.
- Der Roman bietet unerwartete Entwicklungen, die die Leser fesseln und die Spannung aufrechterhalten.

