Alles dazwischen, darüber hinaus (Haymon Verlag)
August 2024
Alles dazwischen, darüber hinaus
Maë Schwinghammers Debütroman Alles dazwischen, darüber hinaus ist ein eindringliches Werk, das mich tief bewegt hat. Es erzählt die Geschichte von Identitätssuche, der Suche nach Sprache und Körper, und bringt diese Themen mit einer poetischen und präzisen Sprache zur Geltung. Auf knapp über 230 Seiten entfaltet sich eine Geschichte, die zugleich schmerzhaft und heilend wirkt, während die Hauptfigur den Weg zu ihrem wahren Selbst findet.
Einfühlsame Erzählung einer komplexen Identität
Der Roman beginnt mit einer zentralen Frage: Wie findet man zu sich selbst, wenn Sprache einem immer wieder entgleitet? Die Hauptfigur, deren Name sich im Laufe der Erzählung immer wieder wandelt – von Michael zu Maë – versucht, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, die sie oft nicht versteht. Es ist ein Ringen um Worte, die stets zu zerbrechen scheinen, bevor sie wirklich ausgedrückt werden können. Die Sprache wird dabei nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern als etwas Körperliches beschrieben – ein Spiegel für die innere und äußere Identitätsfindung. Dieser Prozess wird begleitet von einer ständigen Suche nach Zugehörigkeit, sowohl in der Familie als auch in den sozialen Kreisen der Figur.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Art und Weise, wie Schwinghammer die vielen Facetten der Identität beleuchtet – von der Geschlechterfluidität über die sexuelle Orientierung bis hin zur Auseinandersetzung mit Autismus und den Anforderungen, die die Gesellschaft an marginalisierte Gruppen stellt. Schwinghammer schafft es, all diese Themen in kurzen, prägnanten Szenen darzustellen, die gleichzeitig tief berührend und poetisch sind. Der Ton bleibt dabei immer authentisch und reflektiert die Erfahrungen der Autorin selbst, die ebenfalls in Wien aufgewachsen ist und Sprachkunst studiert hat.
Der Kampf um Sprache und Körper
Eine zentrale Rolle im Roman spielt die Körperlichkeit. Die Hauptfigur erlebt früh eine Gesichtslähmung und entwickelt später eine komplexe Beziehung zu ihrem Körper, geprägt von exzessivem Sport und Muskelaufbau. Diese körperlichen Veränderungen gehen Hand in Hand mit der Sprachlosigkeit, die das Leben der Hauptfigur durchzieht. Es wird eindrücklich beschrieben, wie eng Körper und Sprache miteinander verbunden sind. Die Worte der Mutter „Er kann nicht sprechen lernen, wenn er seinen Körper nicht kennt“ ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. In dieser Aussage liegt eine tiefere Wahrheit, die den Kern des Romans erfasst: Die eigene Identität zu finden, bedeutet, den Körper zu verstehen und ihn mit Sprache auszudrücken, die oft nicht ausreicht.
Sozialkritik und Klassenerfahrung
Neben der individuellen Identitätssuche thematisiert der Roman auch die gesellschaftlichen Strukturen, die das Leben der Hauptfigur prägen. Aufgewachsen in der Arbeiter*innenklasse, wird die Hauptfigur schon früh mit den „feinen Unterschieden“ in der Gesellschaft konfrontiert. Schwinghammer beschreibt mit einem scharfen Blick die Erfahrung von Klassenunterschieden und die Scham, die im Laufe des Erwachsenwerdens entsteht. Es ist eine leise, aber eindrückliche Kritik an einer Gesellschaft, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Klasse kategorisiert. Besonders intensiv empfand ich die Szenen, in denen die Hauptfigur sich in der Schule versteckt, um nicht auf Hilfe angewiesen zu sein – ein Symbol für den subtilen Druck, der durch scheinbare Solidarität ausgeübt wird.
Stil und Sprache: Eine poetische Annäherung an die Stille
Was diesen Roman besonders auszeichnet, ist die Sprache selbst. Maë Schwinghammer hat eine einzigartige Fähigkeit, poetische Bilder zu schaffen, die tief berühren. Die Worte wirken oft wie Fragmente, wie Scherben, die erst beim genaueren Hinsehen ihren Sinn offenbaren. Dieser Stil spiegelt die innere Zerrissenheit der Hauptfigur wider, die verzweifelt nach einer Sprache sucht, die ihrer Identität gerecht wird. Die Sätze sind oft kurz, präzise, und dennoch voller Emotionen. Es ist keine leichte Lektüre, sondern eine, die Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen erfordert.
Fazit
Alles dazwischen, darüber hinaus ist ein außergewöhnlicher Debütroman, der mich lange nach dem Lesen beschäftigt hat. Maë Schwinghammer gelingt es, eine Geschichte zu erzählen, die sowohl individuell als auch universell ist. Die Suche nach Identität, Sprache und Zugehörigkeit wird auf eine Weise geschildert, die tief unter die Haut geht. Der Roman ist eine Einladung, sich mit den komplexen Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen – über Geschlechteridentität, gesellschaftliche Normen und den menschlichen Drang, einen Platz in der Welt zu finden. Für alle, die sich für poetische Literatur und soziale Themen interessieren, ist dieses Buch eine absolute Empfehlung.


