Doppelbuch: One + One und I – I

Bei One + One gehen Anke Hennig und Armen Avanessian nun noch einmal einen Schritt weiter: Ihr gemeinsames Projekt, zu dem auch I + I gehört, führt den Leser auf einen spannenden Weg des Nachdenkens. Der Untertitel verrät, dass es hier um Politik, Kapital, Feminismus und Algorithmik im Sinne einer spekulativen Poetik geht. Die beiden suchen nach neuen Ausdrucksformen poetischer Art und möchten damit den universitären Diskurs verlassen. Das Doppelbuch ist ein interessantes Experiment, das Leser an ihre Grenzen bringt. Nicht jeder wird Freude an den Schriftwerken haben. Doch wer den Gedanken der beiden folgen kann, wird mit neuen Erkenntnissen belohnt.

Wie verändert Sprache die Wirklichkeit?

Welche Macht hat die Sprache, wie werden Subjekte durch die schreibende Tätigkeit zu anderen? Durch diese und weitere Fragen gelangen die Autoren in spannende Bereiche und vollziehen neue Gedankenexperimente. Wir lesen in den Werken der beiden über Ökonomie, Technologie und Geopoetik.

Seine Unilaufbahn hat Avanessian auf Eis gelegt. Er ist nun als freier Autor tätig und zeitweise an der Londoner Universität der Künste oder der Berliner Kunsthochschule anzutreffen. Auch in Bochum doziert er. Avanessian und Hennig haben nun bereits mehrere Bücher gemeinsam geschrieben. Leser erkennen dort gleichermaßen die Erkenntnisse der bisherigen gemeinsamen Arbeit als auch spannende Gegenüberstellungen der beiden Autoren. Deshalb haben sich die beiden für ein Doppelbuch entschieden. Erschienen sind die Titel „I – I“ sowie „One + One“. Wer bei dem Begriff an den beliebten Spielautomaten denkt, ist hier aber auf dem Holzweg. Doppelbuch online spielen hat zwar auch seinen Reiz, doch hier geht es um zwei Schriftwerke. Zunächst mag man denken, dass die Veröffentlichung gleich zweier Bücher verlegerische Vorteile mit sich bringt. Tatsächlich wird aber schnell deutlich, dass es hier um ein regelrechtes Formprinzip geht, welches unmittelbar zum Verständnis der Werke beiträgt. Es ist aber auch möglich, die Werke unabhängig voneinander zu lesen. Wer die beiden Autoren schätzt, entscheidet sich aber sicher gern für das Lesen beider Bücher.

Avanessian ist bekannt für seine Anti-Kritik, die sich mit dem Universitätswesen befasst: Denn der Universität wird doch eigentlich ein kritisches Naturell zugeschrieben. Der Kapitalismus trägt nun aber dazu bei, dass sich das Universitätsleben im Wandel befindet – und der Kapitalismus noch dazu den aktuellen Status sichert. Dabei wird Poetik dann als Lehre des Machens aktiv. In den Werken von Hennig und Avanessian begeben wir uns auf einen spannenden Diskurs, lesen Texte verschiedener Autoren und tauchen in diverse Gedankenwelten ein. Es geht um geteilte Gegenwart und die Bedeutung der Zeitgenossenschaft, um Algorithmen und das sogenannte spekulative Kapital, welches mit der Finanzwirtschaft zusammenhängt.

Verschiedene Stimmen, aber ein gemeinsames Wir

Es erwarten den Leser verschiedene Ansichten und Gedankenstränge, die in unterschiedliche Richtungen wandern. Gleichzeitig findet man hier und da Gemeinsamkeiten. Die Autoren sind sich nicht immer uneinig, tauschen sich aber auch auf spektakuläre Weise aus. Was die beiden Autoren außerdem immer wieder verbindet, das ist die Skepsis: Der Individualismus muss nicht zwangsläufig als die beste Form der Subjektivität angesehen werden. Tatsächlich geben die beiden Autoren zu bedenken, dass kein neutrales oder universales Subjekt von Nöten ist, um eine Politik oder Ethik zu etablieren. Was dagegen wirklich von Bedeutung ist, das sind Begegnungen.

Wir lesen somit nicht nur viele spannende Gedanken, sondern finden mit ONE + ONE und I – I einen tollen Abschluss dessen, womit sich die Autoren in den letzten Jahren befassten. Der Philosoph und die Literaturwissenschaftlerin verstehen es, kreative Ausdrucksformen zu nutzen. Das verleiht dem universitären Diskurs eine völlig neue Dimension, steht diesem geradezu gegenüber und vermag es, in neue Richtungen zu denken. Die Werke der beiden sind keine leichte Kost, nicht immer einfach zu verstehen. Doch das, was die beiden da geschaffen haben, ist unnachahmlich klug und nimmt uns mit auf eine Reise in die unterschiedlichsten Themenwelten. Geschmückt wird das Ganze mit vielen bildhaften Beispielen. Damit ist das Othering bei diesen Büchern zweifelsfrei gelungen.

Unterhaltsam und auf den Punkt

Vom Leser wird höchste Konzentration gefordert, um One + One und I – I folgen zu können. Trotz der spannenden Beispiele bleibt es insgesamt sehr theoretisch. Die Gedankengänge sind komplex, diese Bücher können nicht einfach heruntergelesen werden. Die allgemeine Verständlichkeit ist nicht immer gegeben, gleichzeitig treffen die Gedanken der beiden den Nagel dennoch immer wieder auf den Kopf. Die Beispiele sorgen für Auflockerung, unterhalten den Leser und nehmen uns mitunter mit in die Welt des Films oder verschiedener Biographien.

Die Bücher lassen sich einzeln lesen, Fans werden aber sicher beide Teile verschlingen wollen. Gleichzeitig ist das Doppelbuch etwas, das nicht jeden Leser ansprechen wird, kann und möchte. Sicher wird man die Bücher immer mal wieder zur Seite legen und nachdenken wollen. Der ein oder andere wird sicher sogar feststellen, dass der Zugang zu den Werken fehlt. Doch wer sich auf die Schreibe der beiden Autoren einlässt, der kann mit spannenden Erkenntnissen rechnen. Das geisteswissenschaftliche Experiment der beiden ist gelungen: Theorie und Praxis verschmelzen und regen im kreativen Kontext zum Nachdenken an.

Gastbeitrag

Mediennerd
Medienproduzent/Blogger, Katzenliebhaber und 1. FC Köln Fan im hohen Norden. Mit meiner Berufs- und Lebenserfahrung teste und vermarkte ich seit 2009 Produkte aller Art. Sie erhalten immer ein ehrliches Feedback.