Phonopolis

Phonopolis (Amanita Design)

Mai 2026

Phonopolis ist ein storybasiertes Abenteuer in einer handgezeichneten 3D-Welt aus Pappe. Löse vielseitige Rätsel und hilf Felix dabei, die tyrannische Herrschaft des Anführers über eine dröhnende, dystopische Stadt zu beenden, deren Design von Avantgarde-Kunst inspiriert wurde.
Entwickler: Amanita Design
Genre: Abenteuer
86%
Spielspaß
72%
Wiederspielbarkeit
74%
Langzeitmotivation
95%
Grafik
90%
Umsetzung
Davon hätte ich gerne mehr gehabt.


84%

Eine Welt aus Pappe, die sofort im Gedächtnis bleibt

Es gibt Spiele, bei denen man schon nach wenigen Minuten merkt, dass man hier etwas Besonderes vor sich hat. Phonopolis gehört definitiv dazu. Amanita Design kennt man natürlich unter anderem durch Machinarium, Samorost und Creaks, und entsprechend hoch sind die Erwartungen an ein neues Adventure dieses Studios. Trotzdem schafft es Phonopolis, noch einmal einen ganz eigenen Stil zu entwickeln. Diesmal bewegen wir uns durch eine dreidimensionale Welt, die vollständig den Eindruck vermittelt, aus Pappe, Papier und handgefertigten Modellen gebaut worden zu sein. Das sieht nicht nur ungewöhnlich aus, sondern gibt dem gesamten Spiel eine fantastische Atmosphäre.

Hinter dieser verspielten Optik steckt allerdings eine überraschend düstere Geschichte. Wir übernehmen die Rolle des jungen Müllmanns Felix, der in der Stadt Phonopolis lebt. Dort bestimmen allgegenwärtige Lautsprecher praktisch den gesamten Alltag der Bevölkerung. Der autoritäre Anführer gibt vor, wie die Menschen leben, arbeiten und denken sollen. Schließlich soll der sogenannte Absolute Ton ausgestrahlt werden, der den Bewohnern endgültig ihre Individualität nehmen und sie zu willenlosen Dienern machen soll. Felix erkennt die Gefahr und versucht, genau das zu verhindern. Die Entwickler nennen unter anderem Karel Čapek und George Orwell als Inspiration für Themen wie Manipulation und Individualismus.

Dystopie muss nicht immer grau und deprimierend sein

Was mir besonders gut gefällt, ist der Kontrast zwischen Geschichte und Präsentation. Inhaltlich behandelt Phonopolis durchaus ernste Themen. Es geht um Autorität, Gleichschaltung, Manipulation, freien Willen und darum, wie leicht Menschen dazu gebracht werden können, vorgegebene Regeln nicht mehr zu hinterfragen. Trotzdem fühlt sich das Spiel niemals wie ein deprimierendes politisches Drama an.

Amanita Design verpackt diese Themen stattdessen in eine verspielte und stellenweise wunderbar absurde Welt. Figuren besitzen merkwürdige Eigenheiten, überall entdeckt man kleine Details und selbst Situationen, die eigentlich ziemlich düster sind, können einen zum Schmunzeln bringen. Gerade dadurch funktioniert die Botschaft meiner Meinung nach wesentlich besser. Das Spiel hämmert einem seine Aussagen nicht permanent mit erhobenem Zeigefinger entgegen, sondern lässt die Welt und ihre Bewohner für sich sprechen.

Felix ist kein klassischer Superheld

Auch Felix passt hervorragend dazu. Er ist kein großer Widerstandskämpfer und erst recht kein Actionheld, sondern zunächst einfach ein junger Müllmann, der zufällig erkennt, was mit seiner Heimat passieren soll. Gerade diese Normalität macht ihn sympathisch. Er stolpert praktisch in eine Situation hinein, in der plötzlich ausgerechnet er Verantwortung übernehmen muss.

Die Reise durch Phonopolis führt uns entsprechend durch unterschiedliche Bereiche der Stadt und bringt Felix mit allerlei merkwürdigen Bewohnern zusammen. Dabei erzählt das Spiel seine Geschichte nicht nur über Dialoge. Viele Informationen stecken in der Architektur, in Plakaten, Maschinen, Lautsprechern und kleinen Details der Umgebung. Es lohnt sich deshalb, nicht einfach von Rätsel zu Rätsel zu laufen, sondern sich die Welt genauer anzusehen.

Klassisches Adventure ohne unnötigen Ballast

Spielerisch bleibt Phonopolis wesentlich traditioneller, als die ungewöhnliche Präsentation zunächst vermuten lässt. Im Kern handelt es sich um ein Point-&-Click-Rätselabenteuer. Wir untersuchen Umgebungen, sammeln Gegenstände, kombinieren Informationen und lösen unterschiedliche Logik- und Umgebungsrätsel.

Die Steuerung ist angenehm unkompliziert und das Spiel verzichtet weitgehend darauf, seine Mechaniken unnötig aufzublähen. Das gefällt mir grundsätzlich sehr gut. Phonopolis möchte kein Adventure sein, bei dem man erst zwanzig Gegenstände im Inventar miteinander kombiniert, nur um herauszufinden, dass man einen davon an einer völlig absurden Stelle benutzen muss. Die Rätsel folgen meistens einer nachvollziehbaren Logik und lassen sich mit etwas Aufmerksamkeit lösen.

Die Rätsel sind gut – aber meistens ziemlich einfach

Genau hier liegt allerdings auch einer meiner größten Kritikpunkte. Wer mit Amanita Design bereits Erfahrung hat oder generell viele Adventures spielt, wird vermutlich nur selten wirklich lange festhängen. Auch Spielerberichte beschreiben die Rätsel überwiegend als relativ leicht und intuitiv.

Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Ich mag Adventures, bei denen die Geschichte nicht ständig dadurch unterbrochen wird, dass ich eine Stunde lang an einem völlig unlogischen Rätsel festhänge. Phonopolis besitzt dadurch einen hervorragenden Spielfluss. Man löst etwas, entdeckt einen neuen Bereich, lernt eine weitere Figur kennen und die Geschichte bewegt sich ständig vorwärts.

Etwas mehr Anspruch hätte dem Spiel trotzdem gutgetan. Einige Rätsel präsentieren eine interessante Idee und sind dann schon vorbei, bevor sie diese wirklich ausreizen. Gerade erfahrene Adventure-Spieler dürften deshalb gelegentlich das Gefühl haben, dass Phonopolis sie ein wenig zu sehr an die Hand nimmt.

Diese Grafik muss man eigentlich in Bewegung sehen

Die größte Stärke ist für mich eindeutig die Gestaltung. Phonopolis besitzt einen Stil, den man sofort wiedererkennt. Die komplette Welt wurde als handgefertigte Pappwelt konzipiert und anschließend digital umgesetzt. Amanita bezeichnet das Spiel selbst ausdrücklich als „hand-crafted adventure game“.

Dabei sieht man bewusst Kanten, Materialstrukturen und kleine Unebenheiten. Genau das macht den Charme aus. Die Umgebung soll überhaupt nicht perfekt aussehen. Sie soll aussehen, als hätte jemand eine riesige Modellstadt gebaut und anschließend zum Leben erweckt.

Besonders schön finde ich, dass dieser Stil nicht einfach nur ein grafischer Gag ist. Die gesamte Architektur von Phonopolis profitiert davon. Maschinen, Häuser, Figuren und Gegenstände wirken wie Bestandteile eines großen mechanischen Theaters. Zusammen mit den Einflüssen der Avantgarde-Kunst entsteht eine Optik, die man kaum mit einem anderen aktuellen Spiel verwechseln kann.

Musik und Geräusche gehören zur Welt

Auch akustisch funktioniert das hervorragend. Bei einem Spiel, dessen gesamte Gesellschaft durch Lautsprecher, Klänge und den angekündigten Absoluten Ton kontrolliert werden soll, wäre alles andere auch ziemlich problematisch. Musik und Geräuschkulisse tragen enorm zur Atmosphäre bei und geben den verschiedenen Bereichen ihren eigenen Charakter.

Interessant ist außerdem, dass Phonopolis stärker mit gesprochenen Dialogen arbeitet, als man es von manchen früheren Amanita-Spielen gewohnt ist. Trotzdem verlässt sich das Spiel weiterhin stark auf visuelle Kommunikation. Figuren, Animationen und Umgebung erzählen häufig mindestens genauso viel wie gesprochene Sätze. Gerade diese Mischung passt wunderbar zum Stil des Studios.

Vier Stunden sind nicht besonders viel

Der zweite größere Kritikpunkt ist der Umfang. Je nachdem, wie gründlich man sich umsieht und wie schnell man die Rätsel löst, kann man Phonopolis bereits nach ungefähr vier Stunden beendet haben. Auch mehrere Steam-Spieler kommen auf Spielzeiten in dieser Größenordnung. Für ein Adventure dieser Art ist das zwar nicht vollkommen ungewöhnlich, besonders umfangreich ist es trotzdem nicht.

Das fällt vor allem deshalb auf, weil ich gerne länger in dieser Welt geblieben wäre. Phonopolis bietet visuell und thematisch genügend interessante Ansätze, um daraus ein wesentlich längeres Abenteuer zu machen. Einige Orte und Ideen werden relativ schnell abgehandelt, obwohl man daraus problemlos noch weitere Rätsel und Geschichten hätte entwickeln können.

Andererseits muss ich Amanita zugutehalten, dass das Spiel dadurch kaum Leerlauf besitzt. Es wird nichts künstlich gestreckt, nur damit auf der Steam-Seite eine höhere Spielzeit angegeben werden kann. Lieber vier oder fünf unterhaltsame Stunden als ein zwölfstündiges Adventure, bei dem die Hälfte aus Laufwegen und unnötigen Rätseln besteht.

Beim zweiten Durchgang ist die Luft weitgehend raus

Die überschaubare Spielzeit könnte theoretisch durch eine hohe Wiederspielbarkeit ausgeglichen werden, aber genau das funktioniert bei einem linearen Rätseladventure natürlich nur eingeschränkt. Wenn ich die Lösungen kenne und weiß, wie die Geschichte verläuft, verschwindet ein großer Teil der Herausforderung.

Immerhin gibt es 20 Steam-Errungenschaften, wodurch Komplettisten noch einen zusätzlichen Grund bekommen, genauer hinzusehen. Auch die zahlreichen visuellen Details können dazu motivieren, Bereiche erneut zu besuchen. Ein grundsätzlich anderes Spielerlebnis sollte man beim zweiten Durchgang allerdings nicht erwarten.

Das ist für mich auch der Hauptgrund, warum ich trotz meiner Begeisterung für Präsentation und Atmosphäre bei der Gesamtwertung nicht völlig eskalieren würde. Phonopolis ist hervorragend in dem, was es macht, aber es macht eben nicht besonders viel davon.

Ein Adventure, das Kunst und Spiel wunderbar verbindet

Trotzdem bleibt vor allem die enorme Kreativität hängen. Amanita Design versucht nicht, mit realistischer Grafik oder gigantischen Spielwelten zu beeindrucken. Stattdessen besitzt das Studio eine visuelle Handschrift, die man sofort erkennt, und Phonopolis ist vielleicht eines der deutlichsten Beispiele dafür.

Besonders bemerkenswert finde ich, wie gut Form und Inhalt zusammenpassen. Diese künstliche Stadt aus Pappe, deren Einwohner einem autoritären System folgen, wirkt gleichzeitig freundlich und beunruhigend. Alles sieht wie eine harmlose Theaterkulisse aus, während im Hintergrund die vollständige Kontrolle der Bevölkerung vorbereitet wird. Genau dieser Gegensatz gibt dem Spiel seine Persönlichkeit.

Dass die Steam-Spieler das ähnlich sehen, überrascht mich deshalb nicht. Aktuell sind 93 Prozent von knapp 1.500 Nutzerrezensionen positiv. Solche Zahlen entstehen bei einem vergleichsweise kleinen Adventure normalerweise nicht ohne Grund.

Fazit

Phonopolis ist eines dieser Adventures, bei denen ich nach dem Abspann vor allem denke: Davon hätte ich gerne mehr gehabt. Die handgefertigte Pappwelt sieht fantastisch aus, die dystopische Geschichte besitzt überraschend interessante Themen und Amanita Design schafft es wieder einmal, ernste Inhalte mit Humor und einer gehörigen Portion Absurdität zu verbinden.

Spielerisch bleibt das Ganze allerdings etwas hinter der außergewöhnlichen Präsentation zurück. Die Rätsel funktionieren gut und besitzen schöne Ideen, sind mir aber insgesamt etwas zu einfach. Dazu kommt die überschaubare Spielzeit von ungefähr vier bis fünf Stunden und eine naturgemäß geringe Wiederspielbarkeit. Wer ein anspruchsvolles Adventure sucht, an dem man mehrere Abende verzweifelt knobelt, dürfte deshalb etwas unterfordert sein.

Wer dagegen Machinarium, Samorost oder generell ungewöhnliche Point-&-Click-Adventures mag, sollte sich Phonopolis unbedingt ansehen. Allein die Gestaltung dieser Welt ist das Erlebnis wert. Es ist kreativ, charmant, manchmal herrlich merkwürdig und besitzt hinter seiner verspielten Pappfassade wesentlich mehr zu erzählen, als man zunächst vermutet.

Für mich gehört Phonopolis deshalb klar zu den besseren Adventures des Jahres 2026. Nicht weil es spielerisch das Genre revolutioniert, sondern weil Amanita Design wieder einmal zeigt, wie viel Persönlichkeit ein vergleichsweise kleines Spiel besitzen kann.

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Alle Rezensionen, Tests und redaktionellen Beiträge geben meine persönliche Meinung und Einschätzung wieder. Inhalte, für die eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht besteht, werden entsprechend gekennzeichnet.

Für Rezensionen wurden mir kostenlose Rezensionsexemplar bzw. kostenlos ein Steam Key (Bei Games) zur Verfügung gestellt. Eine Vergütung für diese Beiträge erfolgte nicht.