Bellwright (Donkey Crew)
April 2024
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Errichte und erweitere deine eigenen Siedlungen, befreie das Land und hilf seinen Bewohnern. Gewinne andere für deine Sache, während du mehr über das Leben erfährst, das du hinter dir lassen musstest. Befehlige deine Truppen, beweise deinen Mut im Kampf und festige deinen Platz als Held deines Volkes.
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Entwickler: Donkey Crew
Genre: Survival / Städtebau
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86%
Spielspaß 84%
Wiederspielbarkeit 85%
Langzeitmotivation 80%
Grafik 82%
Umsetzung |
| Bellwright ist kein Spiel für Ungeduldige. |

Bellwright
Es gibt Spiele, die dich sofort als Held feiern. Und es gibt Spiele, die dich erstmal klein machen. Bellwright gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Du startest nicht als mächtiger Krieger oder gefeierter Anführer, sondern als Flüchtling. Als jemand, der zu Unrecht beschuldigt wurde und nun durch Wälder streift, mit einfachen Werkzeugen hantiert und versucht, irgendwie zu überleben.
Und genau das ist einer der größten Reize dieses Spiels: Dein Aufstieg fühlt sich nicht geschenkt an. Er wird erarbeitet.
Ein langsamer, aber glaubwürdiger Einstieg
Der Anfang von Bellwright ist bewusst ruhig gehalten. Du sammelst Holz, jagst kleine Tiere, stellst primitive Werkzeuge her und errichtest erste Behausungen. Alles wirkt bodenständig, fast schon minimalistisch. Es gibt keine bombastische Einführung, keine spektakulären Zwischensequenzen. Stattdessen lernst du die Spielwelt durch Tun kennen.
Was mir dabei besonders gefallen hat: Das Spiel zwingt dich zur Geduld. Fortschritt kommt nicht in großen Sprüngen, sondern Schritt für Schritt. Neue Rezepte wollen erforscht werden, Materialien müssen beschafft werden, und jede kleine Verbesserung deiner Ausrüstung fühlt sich bedeutungsvoll an.
Man merkt schnell, dass Bellwright kein klassisches Survival-Spiel sein will. Es geht nicht nur ums Überleben. Es geht darum, Strukturen aufzubauen.

Vom Einzelkämpfer zum Dorfvorsteher
Relativ früh beginnt der eigentlich spannende Teil: Du rekrutierst Dorfbewohner. Menschen mit eigenen Bedürfnissen, Tagesabläufen und Aufgaben. Plötzlich bist du nicht mehr nur für dich verantwortlich, sondern für eine kleine Gemeinschaft.
Hier entfaltet Bellwright seine größte Stärke.
Du weist Arbeit zu, planst Gebäude, organisierst Produktionsketten und sorgst dafür, dass Nahrung, Werkzeuge und Unterkünfte vorhanden sind. Deine Siedlung wächst organisch. Erst ein Lagerfeuer, dann Hütten, später Werkstätten, Lagerhäuser und Verteidigungsanlagen.
Was das Spiel gut macht: Deine Bewohner fühlen sich nicht wie anonyme Ressourcen an. Man beobachtet, wie sie Holz hacken, Felder bestellen oder Waren transportieren. Das erzeugt dieses klassische Aufbauspiel-Gefühl, kombiniert mit direkter Kontrolle über deinen Charakter.
Ich habe mich mehrfach dabei ertappt, einfach stehenzubleiben und zuzusehen, wie mein kleines Dorf funktioniert.

Kampf: Rustikal, aber wirkungsvoll
Kämpfe gehören zu Bellwright, stehen aber nicht im Mittelpunkt. Das Kampfsystem ist bewusst roh gehalten. Schläge fühlen sich schwer an, Ausweichmanöver wollen timinggenau gesetzt werden, und Gruppen von Banditen können schnell gefährlich werden.
Man merkt, dass Donkey Crew hier keinen Hochglanz-Actiontitel bauen wollte. Die Kämpfe wirken manchmal etwas steif, erfüllen aber ihren Zweck: Sie sind gefährlich. Du kannst nicht einfach in Gegner hineinlaufen. Vorbereitung zählt. Ausrüstung zählt. Unterstützung durch deine Dorfbewohner zählt.
Gerade später, wenn du Trupps losschickst oder selbst mit mehreren Kämpfern unterwegs bist, entsteht ein schönes Gefühl von taktischem Vorgehen.
Handwerk und Progression
Das Crafting-System ist umfangreich, aber nachvollziehbar. Neue Werkzeuge schalten neue Möglichkeiten frei, bessere Materialien ermöglichen stabilere Gebäude, effizientere Produktionsketten sorgen für spürbaren Fortschritt.
Besonders gelungen finde ich, dass sich alles miteinander verzahnt. Ohne Holz keine Gebäude. Ohne Gebäude keine neuen Handwerksstationen. Ohne diese keine besseren Waffen oder Rüstungen. Bellwright ist ein Spiel der Abhängigkeiten – im positiven Sinne.
Die Progression fühlt sich ehrlich an. Nichts kommt zu schnell, nichts wirkt überflüssig. Jeder neue Bauplan ist ein kleiner Meilenstein.

Atmosphäre: Ein stilles Mittelalter
Grafisch ist Bellwright kein technisches Wunderwerk, aber stimmungsvoll. Wälder wirken dicht, Dörfer lebendig, Lichtstimmungen sorgen gerade morgens und abends für schöne Momente. Der Stil ist realistisch gehalten, ohne auf spektakuläre Effekte zu setzen.
Was mir besonders gefallen hat, ist die ruhige Grundatmosphäre. Kein permanenter Bombast, keine aufdringliche Musik. Stattdessen Vogelgezwitscher, Wind in den Bäumen, das Hämmern von Werkzeugen. Es fühlt sich an wie ein lebendiger, arbeitender Ort.
Der Sound unterstützt dieses Gefühl hervorragend. Schritte auf Holz, Metall auf Metall, entfernte Gespräche – all das trägt zur Immersion bei.
KI und Dorfalltag
Die KI deiner Dorfbewohner funktioniert solide, hat aber ihre Macken. Manchmal stehen Figuren im Weg, laufen Umwege oder priorisieren Aufgaben etwas seltsam. Nichts Spielzerstörendes, aber spürbar.
Trotzdem: Der Alltag im Dorf funktioniert. Ressourcen werden transportiert, Gebäude errichtet, Felder bestellt. Je größer deine Siedlung wird, desto deutlicher merkst du, dass hier ein echtes Simulationssystem arbeitet.
Gerade dieser Mix aus direkter Spielersteuerung und autonomem Dorfleben macht Bellwright besonders.

Wiederspielbarkeit und Langzeitmotivation
Bellwright ist kein Spiel für kurze Sessions. Es ist ein Projekt. Ein Spiel, in das man Stunden investiert, langsam aufbaut und immer weiter optimiert. Die Wiederspielbarkeit entsteht weniger durch unterschiedliche Startbedingungen, sondern durch die Freiheit im Aufbau.
Jede Siedlung entwickelt sich anders. Jeder Spieler setzt andere Schwerpunkte. Mehr Militär, mehr Handel, mehr Landwirtschaft – alles ist möglich.
Die Langzeitmotivation entsteht aus dem Wachstum deiner Welt. Aus dem Gefühl, etwas Eigenes geschaffen zu haben.
Kritikpunkte: Noch nicht ganz rund
So viel Potenzial Bellwright hat, man merkt ihm den Early-Access-Charakter an. Performance-Probleme können bei größeren Dörfern auftreten, Animationen wirken manchmal hölzern, und manche Systeme könnten klarer erklärt sein.
Auch die Kämpfe könnten etwas Feinschliff vertragen, ebenso die Benutzerführung. Hier gibt es noch Luft nach oben.
Aber: Das Fundament ist stark.

Fazit: Ein Aufbau-Survival mit echter Identität
Bellwright ist kein Spiel für Ungeduldige. Es ist ein Spiel für Menschen, die gerne langsam wachsen, Strukturen aufbauen und Gemeinschaften formen. Der Mix aus Survival, Aufbau und leichter Taktik funktioniert überraschend gut.
Ich hatte viele ruhige, fast meditative Momente – und dann wieder hektische Gefechte, wenn Banditen auftauchten oder Ressourcen knapp wurden. Genau diese Mischung macht den Reiz aus.
Donkey Crew liefert hier keinen perfekten Titel ab, aber einen mit Charakter, Tiefe und viel Potenzial.

